Interviews und News
Manuela Henrich - Eggert
Zertifizierte Mediatorin & Therapeutin

„Wir stehen erneut vor einem einzigen Scherbenhaufen!“ Mit diesem Satz überraschte mich ein Paar, dass ich bereits seit einigen Monaten begleitete.

Beide waren einige Zeit zuvor zu mir gekommen, um zu sehen, ob ein gemeinsames Leben wieder möglich werden würde und sie ihre Ehe wiederbeleben können. Er war kurz zuvor in die Einliegerwohnung bei seinen Eltern gezogen, um sich räumlich zu distanzieren. Beide wollten ihrer Ehe eine neue Chance geben. Und es sah gut aus. Es waren alte Muster erkannt, Probleme inzwischen angesprochen worden, alte Konfliktthemen gelöst, Lösungsansätze bereits grob erarbeitet und insgesamt war zwischen beiden die Stimmung gut. Was war passiert?

Als der Lockdown mit Homeschooling kam, zog der Ehemann kurzerhand zurück in die alte gemeinsame Wohnung im Haus der Schwiegereltern, und das Paar war gemeinsam mit beiden Kindern 24 Stunden am Tag an 7 Tagen pro Woche zusammen. Druckbetankung! Alle guten Vorsätze waren dahin, es gab keinen Raum mehr für niemanden, keine Distanz, keine Routinen, keine Fluchtmöglichkeiten, nur Pflichten, Forderungen, Ansprüche, Störgefühle, Ablehnung, genervt sein.

Eine andere Frau beklagte sich kürzlich in einer Sitzung, dass ihr Mann inzwischen Stunden im Bad und auf der Toilette verbringen würde. Er gehe mit seinem Handy aufs Klo und sei nun nicht mehr zu sehen. Für Stunden. Er entgegnete darauf, dass dies der einzige Ort sei, an dem er ungestört und allein sein könne.

Das Coronavirus und die damit verbundenen Auswirkungen betrifft nicht nur die wirtschaftliche Situation, sondern hat auch auf unser Privatleben, unsere Familie, unsere Partnerschaften und Beziehungen starke Auswirkungen. Auch jetzt, nachdem der Lockdown bereits mehrere Monate hinter uns liegt, sind die Folgen deutlich zu erkennen. Die Zunahme an Anfragen für Paarberatungen, Familienmediationen, oder Trennungsbegleitungen sind deutlich sichtbar. Corona wirkt hierbei, wie ein Katalysator. Es zeigt Schwachstellen auf, sowohl gesellschaftliche, politische, persönliche, wirtschaftliche und natürlich auch die Problemstellen in unseren Beziehungen. Aber wie kann so ein kleines Virus dies alles in ein solches Ungleichgewicht stürzen? Und das, obwohl wir hier in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern bisher nur sehr wenig Schaden genommen haben. Unsere Wirtschaft erholt sich, unsere Kapazitäten in den Krankenhäusern sind mehr als ausreichend, unser Lockdown betraf nur wenige Wochen, in denen wir trotzdem die Wohnungen verlassen durften, einkaufen gehen konnten etc. Und doch sind die Auswirkungen auf Familien und Paare nachhaltig und in vielen Fällen sehr schwer. Wie kommt das?

Ausgelöst durch die Maßnahmen der Pandemie wurden wir gezwungen, unsere Routinen aufzugeben. Wir konnten nicht mehr das Haus verlassen, um zu arbeiten, Freunde zu sehen, unseren Hobbys nachgehen. Auch die Kinder gingen nicht mehr zur Schule und jedweder Rhythmus war unterbrochen. Wir haben von einem Tag auf den anderen unsere Struktur verloren. Und es war nicht absehbar, was passieren würde, wie lange es dauert und wohin es uns führt. Zu dem Verlust des eigenen Rhythmus kam ein vollständiger Verlust der eigenen Privatsphäre. Jeder von uns hat seine ureigenen Gewohnheiten. Wann telefoniere ich ungestört mit meiner besten Freundin, ohne dass mein Mann mithört, was früher auf dem Weg zur Arbeit im Auto stattfand? Wann höre ich allein meine Lieblingsmusik, die mein Partner nicht mag und ich immer im Zug hören konnte? All dies ist uns nicht immer bewusst, führt aber zu einem nachhaltig schlechten Gefühl, wenn wir es nicht haben. Und der Schuldige ist schnell gefunden: der andere! Wenn diese Person nicht da wäre, könnte ich das ja alles… wenn dieser Mensch doch nur mal dies, oder jenes täte… wenn der andere doch nur ein bisschen anders wäre… mal Rücksicht auf mich und meine Bedürfnisse nehmen würde etc. Und schon sind wir mitten in einem Streitkreislauf aus Vorwürfen, Erwartungen und Forderungen. Der Verlust unserer Routinen, unserer sozialen Kontakte zu Freund*Innen und Kolleg*Innen, unserer Privatsphäre und eigenen Gewohnheiten und auch nicht zuletzt aufkommende existenzielle Ängste und Sorgen führten zu einem coronaindizierten Überforderungscocktail. Dieser entlud sich an der Person, die da war: unserem Partner und unserer Partnerin. Mit einer Ausnahme: für die Paare, Familien und Beziehungen, bei denen der „normale“ Streitfaktor in der Regel durch äußere Beziehungen beispielsweise zur Schwiegerfamilie ausgelöst ist, konnte Corona eine Erholungspause bieten.

Was können wir nun tun, wenn unsere Partnerschaft durch die letzten Monate in eine Krise gerutscht ist? Wie kommen wir dort wieder heraus?

Strukturen und (gemeinsame) Routinen neu schaffen

Der Arbeitsplatz mit Wegen und feststehenden Zeiten strukturierte bisher einen Großteil unserer Tagesabläufe. Durch Homeoffice und veränderte Zeiten hat sich dies zum Teil stark verändert. Schaffen Sie wieder feste Strukturen. Wann stehen Sie auf? Trinken Sie morgens gemeinsam Ihren Kaffee, oder frühstücken zusammen? Wie viel Zeit möchten Sie sich dafür nehmen? Regeln Sie die Zuständigkeiten und Aufgaben neu und schaffen feste Abläufe. Gemeinsame Routinen schaffen ein Wir-Gefühl.

Ausgeglichenheit von Nähe und Distanz

Wir alle wünschen uns Nähe und Verbindung. Und ebenso benötigen wir alle unsere Privatsphäre, Zeit für uns allein und Rückzugsmöglichkeiten. Schon als Kind ziehen wir uns in unser eigenes Zimmer zurück, möchten nicht immer umgeben sein von unseren Eltern, obwohl wir diese unendlich lieben. Schaffen Sie sich Räume, sowohl zeitliche als auch örtliche Freiräume, in denen Sie Ihrem ureigenen Bedürfnis nach Privatsphäre nachkommen können. Dann ist es nicht mehr notwendig, sich auf der Toilette zu verstecken. Und schaffen Sie sich Zeiten, in denen Sie Zeit für Nähe, gemeinsame Unternehmungen als Paar und Zweisamkeit haben. Der Rückzug des Partners und die Distanz sind leichter zu ertragen, wenn wir wissen, wann auch wieder Zeit für Nähe und Zweisamkeit sein wird.

Wertschätzung und den Fokus ins Positive

Gerade in Krisensituationen legen wir den Fokus auf die Defizite. Wir sind fehlerorientiert und sehen all das, was uns fehlt, was der andere schon wieder falsch gemacht hat, wo es schon wieder nicht funktioniert hat, keine Rücksicht genommen wurde und wir uns verletzt fühlen. Hierdurch entsteht sowohl bei uns selbst als auch beim Gegenüber ausschließlich Abwehr, Rechtfertigung und Distanz. Wenn immer alles falsch und nicht ausreichend ist, was ich tue, wieso soll ich mir dann noch Mühe geben? Und wenn doch der andere nicht einmal das hinbekommt, worum ich ihn oder sie bat, wieso sollte ich dann etwas für sie oder ihn tun? Wir melden oft nur den Mangel und den Fehler zurück, selten das, was wir am anderen schätzen. Und genau hier liegt ein Problem. Paare mit einer positiven Streitkultur nutzen im Alltag positive Rückmeldungen automatisch. So kann geäußerte Kritik, sofern notwendig besser angenommen werden, ohne gleich den Gegenangriff zu starten. Loben und danken Sie sich täglich.

Streitfreie Zone

Alles hat seine Zeit und seinen Raum. Sie gehen in die Küche, um Essen zuzubereiten, gehen ins Bad, um zu duschen, ins Schlafzimmer, um zu schlafen. Es kann helfen, wenn wir uns gemeinsam darauf einigen, dass es sowohl eine örtliche und zeitliche streitfreie Zone gibt, beispielsweise das Schlafzimmer zwischen 22.00 abends und 08.00 morgens. Ebenso macht es Sinn, ein Streitgespräch zeitlich grundsätzlich zu begrenzen. Wenn Sie nach 30 Minuten nicht zu einem gemeinsamen Ergebnis haben finden können, sind Sie wahrscheinlich in einem Teufelskreis gefangen, der nicht besser wird, je länger er dauert. Der Streit führt dann nur noch in weitere Vorwürfe und wiederholenden Rechtfertigungen. Teufelskreise kosten uns enorm viel Kraft und führen nirgendwo hin, außer in noch mehr Verletzung und noch mehr Frustration. Wenn Sie nach 30 Minuten nicht zu einem Ergebnis kommen konnten, beenden Sie den Streit bzw. Teufelskreis und verabreden sich zu einem nächsten Gespräch in etwa zwei Tagen. Dies gibt Ihnen Zeit über die Kritikpunkte nachzudenken, ohne direkt darauf antworten zu müssen. Wenn wir wissen, wie lange ein Streitgespräch maximal dauern wird und wann wir uns davon wieder erholen können, finden wir leichter Lösungen und müssen keine innerliche Festung aufbauen, die uns in Distanz bringt und dauerhaft abschottet. Gemeinsame Lösungen können so besser gefunden werden.

fair

durch die gegenseitige Einigung und erfahrenen Respekt erzielt die Mediation faire Konfliktlösungen.
wertfrei

keine Verurteilung. keine Rechtfertigung. Jeder Betroffene hat aus seiner Sicht gute Gründe für erfolgte Handlungen.
allparteilich

keine Bevorzugung, oder Positionierung für eine Seite. Jeder hat das Recht.

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